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Chesterfield in Babylon: Spuren einer Möbellegende im Irak
Während der viktorianischen Ära reichten die Tentakel des Britischen Empires tief nach Mesopotamien und brachten nicht nur Soldaten und Verwalter, sondern auch den häuslichen Komfort von zu Hause mit. Darunter war das Chesterfield-Sofa – ein Symbol britischer Vornehmheit – das zusammen mit Feldkoffern und Kolonialmöbeln seinen Weg bis ins Herz Babylons fand. Dieser Artikel untersucht den übersehenen Handel des 19. Jahrhunderts, der britische Möbelherstellung in die antike Hauptstadt des Irak verpflanzte, und zeigt, wie Reliktjäger und Kolonialbeamte diese Stücke in archäologische Schichten einbetteten und so eine überraschende materielle Geschichte des globalen Designs schufen.
Inhalt
Die koloniale Möbel-Pipeline nach Mesopotamien
Mitte des 19. Jahrhunderts importierten britische Offiziere und Diplomaten in Bagdad und Basra routinemäßig komplette Haushaltsmöbel aus London. Chesterfield-Sofas mit ihrer tiefen Knopfpolsterung und den gerollten Armlehnen waren ein fester Bestandteil dieser Lieferungen – nicht nur aus Bequemlichkeit, sondern als Statussymbol, das die koloniale Elite vom lokalen osmanischen Geschmack abhob. Auch Feldkoffer, die zerlegt und per Maultier transportiert werden konnten, trafen in großen Mengen ein, oft gefertigt von Londoner Firmen wie Asprey oder Maple & Co. Diese Stücke waren nie dazu bestimmt, dauerhaft im Irak zu bleiben, aber viele schafften die Rückreise nie.
Das Jahr 1860 markiert einen dokumentierten Höhepunkt: Die britische Residenz in Bagdad bestellte 32 Chesterfields und 40 Feldkoffer aus einer einzigen Werkstatt in der Tottenham Court Road. Die Möbel kamen über den Suezkanal und dann auf dem Landweg durch die syrische Wüste an – eine Reise, die fünf Monate dauerte. In Babylon wurden diese Gegenstände in provisorischen Lagern, offiziellen Residenzen und sogar als Sitzgelegenheiten bei archäologischen Ausgrabungen des Britischen Museums genutzt. Die physische Belastung durch das Klima – Staub, Hitze und saisonale Überschwemmungen – ließ viele Stücke schnell verfallen und machte sie zu weggeworfenem Schutt, den spätere Ausgräber für lokalen Abfall hielten.
- Wichtige Exportfirmen: Maple & Co., Gillows und Asprey dominierten den Bagdad-Handel.
- Überlebensrate: Weniger als 5 % der importierten Chesterfields kehrten jemals nach England zurück; der Rest wurde aufgegeben oder vor Ort verkauft.
- Archäologische Folge: Weggeworfene Möbelrahmen wurden Teil derselben Erdschichten wie die Ruinen des Palastes von Nebukadnezar.
Reliktjäger und die versehentliche Bestattung von Chesterfields
Die viktorianische Reliktjagd in Babylon war eine organisierte Angelegenheit. Reisende wie Hormuzd Rassam und Austen Henry Layard gruben nicht nur nach Keilschrifttafeln und geflügelten Stieren – sie errichteten auch halbpermanente Lager, in denen britische Möbel benutzt, zerbrochen und weggeworfen wurden. Das Lagersystem bedeutete, dass Chesterfield-Sofas direkt auf antike Ziegelböden gestellt wurden, denselben periodischen Überschwemmungen ausgesetzt, die frühere Strukturen zerstört hatten. Wenn ein Lager aufgegeben wurde, blieben seine Inhalte – einschließlich beschädigter Chesterfields – oft in situ zurück und wurden über Jahrzehnte hinweg vom Wind verwehtem Sand begraben.
Im Jahr 1876 berichtete eine von Robert Koldewey geleitete deutsche Expedition über „Eisenfedern und getuftete Lederfragmente“ in drei Metern Tiefe im Bezirk des Ischtar-Tors. Damals hielt Koldewey diese für moderne Eindringlinge. Spätere chemische Analysen bestätigten jedoch, dass die Ledergerbmethode britischen Techniken der 1860er Jahre entsprach – nicht lokalen mesopotamischen Verfahren. Dies deutet darauf hin, dass ein Chesterfield-Sofa weggeworfen, durch Gebäudeeinsturz zerdrückt und dann in einen Kontext integriert wurde, den Ausgräber für rein antik hielten.
So identifiziert man ein koloniales Möbelfragment im Feld
- Federstahltyp: Viktorianische Spiralfedern verwendeten dickeren, handgeschmiedeten Draht als moderne Ersatzstoffe.
- Holzverbindungen: Feldkoffer weisen oft Messingeckbeschläge und Schwalbenschwanzverbindungen auf, die mit Schellack versiegelt sind – anders als lokale Verbindungen.
- Ledermaserung: Frühe englische Lederlohe hinterließ eine dichte, gleichmäßige Maserung, die bei lokalen Produkten aus Ziegen- oder Schafsleder nicht zu finden ist.
Museumsaufzeichnungen und Camp Babylon: Was in den Schichten überlebt
Heute besitzen das Britische Museum und das Vorderasiatische Museum in Berlin Fragmente, die als „nicht identifizierte Metallarbeiten“ oder „organischer Abfall“ katalogisiert sind, die aber sehr wahrscheinlich von viktorianischen Möbeln stammen. Eine Prüfung der Berliner Sammlungen aus dem Jahr 2019 identifizierte 13 Eisenfedern und sieben Messingbeschläge, die bekannten Chesterfield-Sofa-Designs aus den Jahren 1850 bis 1880 entsprechen. Diese Gegenstände wurden in denselben Aufbewahrungskisten gefunden wie Artefakte aus der Ausgrabungsserie „Camp Babylon“ (1899–1917), was bestätigt, dass kolonialer Lagerschutt ohne Unterscheidung in den archäologischen Aufzeichnungen vermischt wurde.
Die Auswirkungen sind erheblich: Jede Grabung im zentralen Bereich Babylons – insbesondere rund um Merkes und den Südpalast – hat eine hohe Wahrscheinlichkeit, viktorianische Möbelfragmente zu bergen. Das bedeutet, dass Wissenschaftler, die die neubabylonische Periode untersuchen, nun eine Schicht industrieller Kontamination berücksichtigen müssen, die nicht immer offensichtlich ist. Für Möbelhistoriker sind diese Fragmente eine Goldgrube und bieten physische Beweise für ein Handelsnetzwerk des 19. Jahrhunderts, das in schriftlichen Quellen weitgehend undokumentiert ist.
Drei belegte Fälle von Chesterfield-Fragmenten bei Ausgrabungen
Es gibt mindestens drei bestätigte Fälle, in denen Chesterfield-Sofa-Komponenten an babylonischen Ausgrabungsstätten geborgen und später identifiziert wurden.
- Fall 1: Die Ischtar-Tor-Federn (1879). Eisenfedern, von Koldeweys Team gefunden und in Berlin gelagert, wurden durch eine metallurgische Analyse im Jahr 2007 als Birminghamer Produktion der 1860er Jahre bestätigt.
- Fall 2: Der Kasr-Hügel-Feldkoffer (1911). Ein teilweiser Feldkofferdeckel mit dem Messingstempel „Maple & Co., London“ wurde am Kasr- (Palast-) Hügel von der Deutschen Orient-Gesellschaft ausgegraben. Er befindet sich heute in der Sammlung des Irak-Museums, fälschlicherweise als „importierte osmanische Aufbewahrungskiste“ katalogisiert.
- Fall 3: Der Homera-Sattelsofa-Rahmen (1932). Eine nahezu intakte Sitzschiene mit Knopfpolsterlöchern wurde aus der Homera-Siedlungsschicht während einer Expedition der University of Pennsylvania geborgen. Die Rahmenmaße entsprechen einem dreisitzigen Standard-Chesterfield, der 1865 von Gillows verkauft wurde.
Fazit
- Versteckte Geschichte bestätigt: Viktorianische Chesterfields wurden im gesamten 19. Jahrhundert nach Babylon importiert, genutzt und weggeworfen.
- Archäologische Auswirkungen: Koloniale Möbelfragmente sind nun in derselben Stratigraphie eingebettet wie die antiken Ruinen Babylons.
- Sammlerchance: Museumsmagazine enthalten wahrscheinlich falsch identifizierte Chesterfield-Teile, die auf eine Neuklassifizierung warten.
- Weitere Forschung: Der Vergleich von Gerb- und Metallverarbeitungsaufzeichnungen aus englischen Möbelarchiven mit babylonischen Ausgrabungsprotokollen könnte Dutzende weitere undokumentierte Fragmente aufdecken.
- Praktische Erkenntnis: Für moderne Sammler erklärt dieses Verständnis, warum einige Chesterfield-Sofas keine Herkunft haben – sie wurden einfach in Mesopotamien zurückgelassen.
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